Mit Corona umgehen lernen - Einblick in die Eingliederungshilfe

01.07.2020 CJD Berlin-Brandenburg « zur Übersicht

Mindestabstand, Mundschutz und immer wieder neue Regeln – was die meisten in Corona-Zeiten als nervig, aber nötig empfinden, kann Menschen mit einer geistigen Behinderung komplett aus der Bahn werfen. Alltagsstrukturen, die zuvor Sicherheit gaben, brechen zusammen und hinterlassen ein Gefühl von Angst und Unsicherheit. Umso wichtiger ist eine professionelle Begleitung. Seit vielen Jahren unterstützt das CJD Berlin-Brandenburg im Landkreis Prignitz Erwachsene mit einer geistigen Behinderung in ihrem Alltag. Doch eine Situation wie jetzt gab es noch nie. Um den Beratungsbedarf zu decken, braucht es vor allem eines: mehr Zeit. Dafür hat die Aktion Mensch nun Fördermittel bereitgestellt.

Das „ambulant betreute Wohnen“ ist ein Angebot für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die selbstständig in ihrer eigenen Wohnung leben. Aktuell begleiten zehn Beschäftigte des CJD Berlin-Brandenburg die 50 Klientinnen und Klienten in Perleberg, Pritzwalk und Wittenberge in ihrem Alltag. Sie unterstützen sie beim Einkaufen, im Haushalt, bei der Freizeitplanung oder im Umgang mit Geld. Schritt für Schritt erlernen die Erwachsenen, wie sie ein selbstständigeres Leben führen können. Dann kam Corona und alles war anders.

Ständig neue Regeln und keine Zeit sie zu erklären

Das Leben der Klientinnen und Klienten hat sich mit dem Lockdown komplett verändert. Die Förderwerkstätten wurden geschlossen und soziale Kontakte untersagt – das war nur schwer zu begreifen. Neue Tagesabläufe und Strukturen hinterließen bei den Menschen ein Gefühl von Verwirrung und Angst. Die Betreuerinnen und Betreuer versuchten so viel möglich abzufangen und aufzuklären: Wieso kann ich nicht zur Arbeit gehen? Warum muss ich eine Maske tragen? Weshalb tragen andere Masken? Wie verhalte ich mich beim Einkaufen? Warum kann ich meine Freunde nicht sehen? Wieso muss ich so oft Hände waschen? Was bedeutet Mindestabstand? „Das größte Problem war die Zeit“, sagt Sigrid Hawlitschek, Teamleiterin des ambulanten Angebots. „Die Kolleginnen und Kollegen haben oft nur 45 Minuten pro Person. In dieser Zeit kann man niemandem erklären, warum sich von heute auf morgen alles ändert.“

Schritt für Schritt zurück in die Normalität

Nach vier enorm anstrengenden Wochen kam dann eine gute Nachricht: Die ambulante Betreuung wird von der Aktion Mensch mit knapp 30.000 Euro unterstützt. Das bedeutete mehr Personal, bessere Ausstattung und vor allem mehr Zeit! Und die ist nach wie vor nötig, denn die Einschränkungen während der Anfangszeit haben ihre Spuren hinterlassen. In der aktuellen Phase der Pandemie ist der Beratungsaufwand immer noch groß. Die Klientinnen und Klienten dürfen zwar zum Teil wieder arbeiten gehen. Manche haben jedoch inzwischen Ängste entwickelt, sie wollen (noch) nicht wieder zur Arbeit, ihnen fällt es schwer, den alten Rhythmus und auch die sozialen Kontakte wiederaufzunehmen. Corona hat viele in ihrer Selbstständigkeit zurückgeworfen.

Ängste nehmen und aufklären

Andere wiederum können es kaum abwarten arbeiten zu gehen und dürfen nicht wegen einer Vorerkrankung. Da heißt es dann nur: Mut machen und hoffen, dass die Förderstätten bald wieder für alle öffnen. „Eine große Aufgabe ist, die enthusiastischen Klientinnen und Klienten auszubremsen und ihnen zu vermitteln, dass noch nicht alles so ist wie vorher.“, sagt Sigrid Hawlitschek. Ein weiterer wichtiger Aspekt sei, über das Gehörte im Radio oder Fernsehen aufzuklären. „Viele sind ängstlich oder verwirrt, wenn sie in unseriösen Medien falsche Informationen aufschnappen. Wir stellen das dann richtig und helfen dabei, die Dinge besser einordnen zu lernen.“ Auf vielen Ebenen ist diese Zeit herausfordernd. Die Förderung durch die Aktion Mensch hat zumindest ein Durchatmen ermöglicht.